Zu den lächerlichsten und abgeschmacktesten Auswüchsen unserer Modethorheiten und — Zierbengeleien gehören die zur Ungebühr gepflegten Halsbinden und Cravaten unserer Männer und Männlein nach der Mode. Denn wir sind keinesweges gesonnen, allen Halsbinden und Halstüchern, die, durch Klima und Lebensweise bedingt, ein notwendiges Kleidungstück wurden, den Krieg zu erklären. Aber mit Wülsten ausgestopft, mit gesteiften und zugespitzten Oberkrägelchen (Vatermörder genannt) etagirt, in die zierlichsten Halsschleifen verschlungen, in alle Dreiecke der Geometrie vorn gelegt und mit Halsnadeln geheftet, machen sie das Hauptstudium der männlichen Eleganz aus und kosten oft mehr Zeit vor dem Spiegel als eine complete Frauentoilette. Am schlimmsten, wenn dies nun gar auf die Porträtdarstellung übergeht. So liegt eben ein recht sauber lithographirtes Abbild des einst vielgelesenen Verfasser der Dya-na-sore, des k. k. Hauptmanns und Ritters Meyer, der kürzlich in Frankfurt gestorben ist, vor mir, aus der Hand einer trefflichen nnd geschmackvollen Kunstfreundin. Wir bedauern sie aber aufrichtig, dass sie, um die volle Aehnlichkeit zu erhalten, den von einem Steifkragen über der Binde entstehenden Einschnitt in den Hals beibehalten musste. Doch an was gewöhnt sich das Auge nicht, ist einmal die Linie überschritten worden !* Wie weit aber der Ernst in dieser Lächerlichkeit getrieben werden kann, beweist der Umstand, dass dieser Hauptpunkt im echten Dandyism (Dandy heisst jetzt jeder Stutzer im Regentpark) sogar ein wichtiger Artikel für den Londoner Buchhandel geworden ist. In drei Buchhandlungen in London wird jetzt die siebente Auflage der Kunst, die Cravate zu binden, mit einem Porträt des echten Cravatenträgers, als ein niedliches Taschenbuch verkauft. Die Theorie ist in eigenen Lectionen vorgetragen und zu jeder ein Vorbild in Kupferstich gegeben**. Uebrigens ist, wie jeder weiss, der à la hauteur steht, nach einem harten Kampf der Sieg der schwarzen Binden über die weissen und bunten Halstücher diesmal in den böhmischen und rheinischen Bädern entschieden gewesen!
Dem Alterthumsfreunde, der besonders in Allem, was Bildnerei und Draperie betrifft, gern in die alte Welt hinüber blickt, mag es nachgesehen werden, dass er auch hier fragt: trugen denn die Griechen und Römer auch Halstücher und Cravaten? Antwort: ei, bewahre! Das einfache Untergewand des Mannes war um den Hals herum weit ausgeschnitten. Der Hals blieb durchaus frei und trat in seiner zwanglosen, durch Gymnastik und Bäder gekräftigten Form männlich hervor, und so ist es noch bei allen Orientalen. Kein Gesunder hätte sich’s je beigehen lassen, mit einem wollenen Tuch oder irgend einer Binde diesen Theil zu verhüllen, und geschah es doch, so wurde es eben so wie ein wollenes Käppchen auf dem Kopf (palliolum) für ein Zeichen weibischer Weichlichkeit gehalten. Es ist eine oft wiederholte Bemerkung, dass die Alten eben wegen dieser freien Enthüllung des Halses und Kopfes weniger an Kopf- und Halsübeln litten und nur bei wirklichen Halsentzündungen sich mit wollenen Halsbinden schützten. Man kennt die Anekdoten von des bestochenen Demosthenes erdichtetem Halsweh, um nicht sprechen zu dürfen, und wie er deshalb mit einem mit Wolle und Tüchern umschlungenen Hals in die Volksversammlung trat***. Daher das Wort des Qnintilian, wo er die Kleidung des Redners mustert: Halsbinden und Ohrenverhüllungen kann nur das Halsweh entschuldigen****. Daher dergleichen Binden (focalia) auch als Abzeichen eines verweichlichten Lüstlings beim Horaz*****. Wir tragen nun freilich diese Abzeichen der Krankheit (insignia morbi, wie sie Horaz nennt) täglich an uns, würden uns aber auch höchlich wundern, wenn uns bei grossen Bankets und Gastgeboten Blumenkränze dargereicht würden, um sie zum Nasenschmaus bei Tische um den Hals geschlungen zu tragen, eine Sitte, die wir nicht selten bei den Alten angeführt und selbst auf antiken Denkmälern abgebildet finden ******. Man hatte eine eigene Benennung für diese Halskränze und nannte sie Räucherkerzchen von unten herauf.
Die Sitte, Halsbinden zu tragen, schreibt sich aus der alten Ritterzeit und aus den bei damaliger Rüstung gewöhnlichen Ueberschlägen und Halskragen her. Denn man musste ja, damit der Panzer oben nicht einschnitt, ihn um den Hals herum füttern und seine Schärfe durch einen Ueberschlag unschädlich machen, woher die ganze Sitte der oft so kostbaren Spitzen- und Halskragen, aber auch der Kragen an unseren Röcken (der Collets) abstammt. Die Benennung Cravate aber kam während des 30jährigen Kriegs in Paris auf, wo die Franzosen die mit bunten Halstüchern sich auszeichnenden Croaten, gemeinhin Crawaten genannt, kennen lernten und nachahmten *******. Beherzigenswerth bleibt He?der’s Bemerkung, da, wo er v?? der geschmacklosen Unkleidsamkeit unserer modernen Frauen- und Männertracht im Gegensatz v?? der Draperie des Alterthnms ein starkes, doch wahres Wort spricht: „Die männliche Kleidung der Europäer hat einen barbarischen Ursprung. Zum Reiten sind wir da, das zeigt die Bekleidung unserer Beine. Die übrigen Fetzen haben wir uns für die Tasche zugelegt, und als ob wir uns des Stranges unaufhörlich bewusst sein sollten, insonderheit unseren Hals jämmerlich zugeschnürt, eine Kleidung, in der wir allen Nationen der Erde lächerlich werden”*******.
* Man vergleiche die genau porträtirten Statuen der Kriegshelden auf einem der schönsten Plätze in Berlin oder die meisterhaft ausgeführte Büste des Marschalls von Sachsen, von Delvaux, in unserem Antikenmuseum im zweiten Saale No. 66. Wie entstellt hier die galant-geknüpfte Halsschleife vorn diesen schönen Kopf.
** The art of tying the Cravat, demonstrated by Lessons, with explanatory plates — preceded by a history of the Cravat, from its origin to the present time, with the latest Parisian improvements and amplifications. London bei Wilson 88, 1829. Es versteht sich, dass auch hier das Zauberwort improvement, das Signal aller Industrie in England, nicht fehlen durfte!
*** Die Geschichte wird verschieden erzählt vom Plutarch in vita Demosth, T. I. p, 857. C. und aus Critolaus beim Gelline Noct. XI. 8. Man bezweifelt sie ganz, S. Siebeiis zu Pausan. II, 33. p.252, Für unseren Zweck ist es gleichgültig, ob wahr oder unwahr.
**** Focalia et aurium ligamenta (sie umschlossen zugleich das Ohr, s. Martial XIV.) sola excusare potest valetudo. Quintil. XI, 3.144. Daher Bezeichnung der Schwächlichen pallentes palliolo, focalique circumdati bei Seneca, Quaest, Nat. IV., 13. 9.
***** Satir. II., 3. 255. mit Heindorfs Anmerkung S. 324.
****** S. Visconti zum Pio-Clementine T. IV. p. 44. und die Sabina Th. I. S. 240 f. Das griechische Wort dafür heisst —. Aber freilich gab es damals noch keinen Schnupftabak und keine Tabatieren. Davon in einer anderen Vergleichung!
******* S. Menage, Dictionnaire Etymologique s. v. Cravate p. 233.
******* Herder’s Briefe zur Beförderung der Humanität. 6te Sammlung. S. 87.
Aus: Julius Sillig (Hg.): C. A. Böttiger’s Kleine Schriften archäologischen und antiquarischen Inhalts, Band 3. 1838.


